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Marx, Moses und die Heiden

Tomislav Sunic

Marx, Moses und die Heiden in der Offenen Stadt
Sleipnir (Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik)

Heft 2. März /April, 1995;Heft 3. Mai/Juni, 1995; 2.Jg., Heft 3, Mai/Juni1996;

by Tom Sunic on May 24, 2012

Mit der Bekehrung des römischen Kaisers Konstantin zum Christentum neigte sich die Epoche des heidnischen Europa ihrem Ende entgegen. Im Laufe des folgenden Jahrtausends wurde der gesamte europäische Erdteil der Herrschaft des Evangeliums unterworfen – bisweilen durch friedliche Überzeugungsarbeit, oft aber durch gewaltsame Bekehrung. Die noch gestern die Verfolgten des Alten Rom gewesen, wurden nun ihrerseits im christlichen Rom die Verfolger. Wer noch zuvor das ihm von Nero, Diocletian oder Caligula bereitete Schicksal beweinte, zögerte jetzt nicht, mit „kreativer” Gewalt gegen gottlose Heiden vorzugehen. War Gewaltanwendung nach dem Buchstaben des christlichen Gesetzes auch untersagt, wurde sie doch hemmungslos ausgeübt gegen jene, die nicht in die Schar der „auserwählten Kinder” Gottes hineinpaßten. In der Regierungszeit Konstantins nahm die Verfolgung der Heiden Formen an, die denjenigen, mit denen früher die alten Glaubensgemeinschaften die neuen verfolgt hatten, nicht nur vergleichbar waren, sondern sie in ihrer Unerbittlichkeit noch übertrafen. (1) Durch das Edikt von 346 n.Chr. und das zehn Jahre später erlassene Edikt von Mailand wurden Heidentempel und die Verehrung heidnischer Gottheiten als magnum crimen gebrandmarkt. Über alle, die schuldig befunden wurden, an althergebrachten Opferritualen teilgenommen oder heidnischen Götzen angebetet zu haben, wurde die Todesstrafeverhängt. „Unter Theodosius unternahm die Verwaltung eine systematische Anstrengung, die verschiedenen Formen des Heidentums durch Auflösung, Enteignung und Ächtung der noch vorhandenen Kultgemeinden zu beseitigen.”(2) Das „Finstere Frühmittelalter” hatte begonnen.

 

Die Gewalttätigkeit der Christenheit ad maiorem dei gloriam wütete nach außen und innen ungebremst bis zum beginnenden achtzehnten Jahrhundert. Neben gotischen Kirchtürmen von atemberaubender Schönheit bauten die christlichen Machthaber Scheiterhaufen, auf denen namenlose Tausende hinweggerafft wurden. Rückblickend läßt sich christliche Intoleranz gegen Ketzer, Juden und Heiden mit der bolschewistischen Intoleranz des zwanzigsten Jahrhunderts gegen klassenfeindliche Kräfte in Rußland und Osteuropa vergleichen; jedoch mit einem Unterschied: ihre Herrschaft währte länger. In der Abenddämmerung des römischen Kaiserreiches kommentierte der heidnische Philosoph Celsus den christlichen Fanatismus: „Sie (die Christen) wollen über ihren Glauben nicht rechten, sie beharren auf ihrem ‘Nicht prüfen sollst du, du sollst glauben’…(3) *” Gehorsam, Gebet und Verzicht auf kritisches Denken galten den Christen als die perfekten Schlüssel zur ewigen Seligkeit. Celsus beschreibt die Christen als Menschen, die zu engstirniger Parteilichkeit und primitivem Denken neigen und darüber hinaus eine bemerkenswerte Lebensverachtung an den Tag legen.(4) In ganz ähnlichem Sinne äußerte sich im neunzehnten Jahrhundert der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche, der in seinem beißenden Stil die Christen als Menschen schildert, die den Haß auf sich selbst und auf andere hervorkehren: „…der Haß gegen die Andersdenkenden; der Wille zu verfolgen” (5).

Zweifellos müssen die Frühchristen fest daran geglaubt haben, daß das Ende der Geschichte sich deutlich am Horizont abzeichne, und mit ihrem historischen Optimismus dürften sie sich ebenso wie mit der Gewalt gegen die „Ungläubigen” die Bezeichnung Bolschewiken des Altertums verdient haben. Viele Autoren haben darauf hingewiesen, daß das Römische Reich nicht durch den Ansturm der Barbaren zerbrach, sondern daß Rom bereits „von innen her verrottet (war) durch christliche Sekten, Verweigerer des Kriegsdienstes, Feinde des Staatskultes, Verfolgte und Verfolger, kriminelle Elemente aller Art sowie das allseitige Chaos.”(6) Paradoxerweise sollte sogar den jüdischen Gott Jahwe ein düsteres Schicksal ereilen, denn er wurde, nach den Worten Louis Rougiers, „bekehrt, wurde Römer, Kosmopolit, zur Ökumene übergelaufener Nichtjude oder goyim, Globalbekenner und zuletzt gar – Antisemit.” (7) Es ist nicht verwunderlich, daß sich in den folgenden Jahrhunderten die christlichen Kirchen Europas schwertaten, ihre universalistische Berufung mit dem Aufstieg des nationalistischen Extremismus in Einklang zu bringen.

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Obwohl das Christentum allmählich auch die letzten Spuren der römischen Vielgötterei beseitigte, setzte es sich doch selbst als Roms rechtmäßigen Erben ein. Und in der Tat kam es keineswegs zu einer vollständigen Verdrängung des Heidnischen durch das Christentum: Dieses ererbte von Rom viele Merkmale, die es vormals als antichristlich verachtet hatte. Mit den offiziellen heidnischen Kulthandlungen war es vorbei, der Geist des Heidentums jedoch ließ sich nicht bannen und trat jahrhundertelang immer wieder in verblüffenden Ausdrucksformen und vielgestaltigen Modeerscheinungen zutage – so in den Zeitaltern der Renaissance und der Romantik, vor dem Zweiten Weltkrieg und auch heute, da die christlichen Kirchen erkennen müssen, daß ihre verweltlichten Schafe ihren einsamen Hirten immer schneller davonlaufen. Schließlich scheint das Volksbrauchtum ein Paradebeispiel für das Weiterleben des Heidnischen darzustellen, obwohl es in den Gebräuchen der Offenen Stadt inzwischen meist nur noch als leicht verderbliche Ware des kulinarischen und touristischen Rummels dargeboten wird.(8) Im Laufe der Jahrhunderte war das Volksbrauchtum stets den Wandlungen und Anpassungen, den Forderungen und Sachzwängen der jeweiligen Epoche unterworfen, und doch hat es seine Urform eines stammeseigenen Gründungsmythos immer beibehalten. So wie das Heidnische sich stets stärker auf dem Dorfe behauptete, so ist auch das Brauchtum in der Überlieferung der bäuerlichen Bevölkerung Europas durchweg am sichersten bewahrt worden.(9) Im frühen neunzehnten Jahrhundert begann das Brauchtum in dem sich herausbildenden nationalen Bewußtsein der europäischen Völker eine entscheidende Rolle zuspielen, „in einer Gemeinschaft” also, „die sich um ihre arteigenen Ursprünge sorgte, und basierend auf einer Geschichte, die meist eher rekonstruiert denn real zu nennen ist”.(10)

 

Der heidnische Gehalt war ausgeräumt, aber der heidnische Rahmen blieb im wesentlichen unverändert. Gehüllt in den Mantel und die Aura der christlichen Heiligen, schuf sich das Christentum sein eigenes Pantheon der Gottheiten. Darüber hinaus nahm selbst die Botschaft Christi – je nach Ort, Geschichtsepoche sowie dem genius loci jedes einzelnen europäischen Volkes – eine ganz spezifische Aussage für sich in Anspruch. In Portugal stellt sich der Katholizismus anders dar als in Mozambique, und Polens Landbevölkerung verehrt noch heute viele der alten slawischen Gottheiten, die sorgfältig in die römisch-katholische Liturgie eingewoben sind. Im ganzen heutigen Europa tritt immer wieder das nur scheinbar auslöschbare Gepräge des polytheistischen Glaubens an die Oberfläche. Das Begehen des Julfestes stellt eines der hervorstechendsten Beispiele für die Zählebigkeit heidnischer Relikte dar. (11) Auch wurden zahlreiche einst heidnische Tempel und Kultstätten in sakrale Einrichtungen der katholischen Kirche umgewandelt. Lourdes in Frankreich, Medjurgorje in Kroatien, heilige Flüsse oder Berge – tragen sie nicht alle den Stempel des vorchristlichen, heidnischen Europa? Der Kult der Muttergöttin, dem einst die Kelten, besonders in Flußnähe, inbrünstig huldigten, hinterläßt noch heute seine Spuren in Frankreich, wo in der Nähe von Brunnen und Quellen viele kleine Kapellen errichtet wurden.(12) Und können wir schließlich die Tatsache bestreiten, daß wir alle die intellektuellen Erben der heidnischen Griechen und Lateiner sind? Denker wie Virgil, Tacitus, Heraklit sind noch heute so modern, wie sie es in der Morgendämmerung der europäischen Kultur waren.

 

Es gibt reichlich Belege dafür, daß heidnisches Lebensgefühl in den Sozialwissenschaften, der Literatur und den Künsten hell erblühen kann, und das nicht nur als exotische Darstellungsform, sondern auch als geistiges Rüstzeug und als Instrumentarium der Begriffsanalyse. Wenn wir über die Wiederbelebung des indogermanischen Polytheismus sprechen, drängen sich zahlreiche Namen auf. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts traten heidnische Denker gewöhnlich in einer Maske auf, indem sie sich als „revolutionäre Konservative”, „aristokratische Nihilisten” oder “Elitäre” bezeichneten, kurz, unter dem Namen all derer, die nicht Jesus durch Marx ersetzen wollten, die aber Marx und Jesus ablehnten.(13)  Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger in der Philosophie, Carl Gustav Jung in der Psychologie, Georges Dumezil und Mircea Eliade in der Anthropologie, Vilfredo Pareto und Oswald Spengler in der politischen Wissenschaft, ganz zu schweigen von Dutzenden Dichtern, wie Ezra Pound, Jack London oder Charles Baudelaire – dies sind nur einige der Namen, die zum Vermächtnis des heidnischen Konservatismus in einer engen Beziehung stehen. Ihnen allen gemeinsam war der Wille, das Erbe des christlichen Europa zu überwinden, und sie alle strebten danach, die Welt der vorchristlichen Kelten, Slawen und Germanen in das Repertoire ihres Geistes einzugliedern.

 

In dem von der biblischen Botschaft durch und durch erfüllten Zeitalter wurden viele der modernen heidnischen Denker wegen ihrer Kritik am biblischen Monotheismus angegriffen und entweder als verstockte Atheisten oder als geistige Bannerträger des Faschismus gebrandmarkt. Attackiert wurden insbesondere Nietzsche, Heidegger und erst unlängst der französische Philosoph Alain de Benoist, weil er angeblich einer Philosophie huldige, die an frühere nationalsozialistische Versuche einer Entchristianisierung Deutschlands und seiner Rückführung ins Heidentum erinnere. (14) Diese Angriffe erscheinen unberechtigt. Jean Markale weist daraufhin, daß „es sich bei Nazismus und Stalinismus – wegen der von ihnen ausgelösten Handlungen – in gewissem Sinne ebenfalls um Religionen handelte. Sie waren auch insofern Religionen, als sie ein bestimmtes Evangelium – im etymologischen Wortsinne – beinhalteten… Demgegenüber tendiert wahres Heidentum immer in die Sphäre der Sublimation. Heidentum kann nicht im Dienste weltlicher Macht stehen.”(15) Das Heidentum erscheint mehr als eine Form des Lebensgefühls denn als ein vorgegebenes politisches Glaubensbekenntnis.

 

 

1. Charles Norris Cochrane, Chrisitanity and Classical Culture, University Press. York 1957. S. 254 a.

2.. a. O., S. 329

3. T. R. Gloverr. The Conflict of Religion in the Early Roman Empire, Beacon Press, Boston 1909 u. 1960

4. S. 254 und passim

5.Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, Nietzsches Werke, Verlag Das Bergland-Buch, Salzburg, Stuttgart 1952. S. 983, Abs. 21.

6.Pierre Gripari, L’histoire du méchant dieu. L’Age d’Homme. Lausanne 1987, S. 101-102.

7.a.a.O., S. 102.

8. Michel Marmin, ”Les pièges du folklore, in; La cause des peuples, Edition Le Labyrinthe, Paris 1982, S. 39-44.

9. Nicole Belmont, Paroles païennes. Edition Imago, 1986, S. 160.

10. a. a. O., S. 161

11. Alain de Benoist, Noël. Les Cahiers européennes, Institut de documentations et d’Etudes européennes, Paris 1988.

12. Jean Markale, u. a.. „Mythes et lieux christianisées”. L’Europe païenne, Seghers, Paris 1980. S. 133.

13. Bezüglich der europäischen Revolutionär- Konservativen siehe die Studie von Armin Möhler Die Konservative Revolution in Deutschland 1919-  1933,  Wissenschaftliche Buchgesellschaft,  Darmstadt 1972; ferner Tomislav Sunic. Against Dcmocracy and Equality: The European New Right, Peter Lang Publishing Inc., New York 1990.

14. Vgl. hierzu vor allem die Schriften von Alfred Rosenberg. Der Mythos des 20. Jahrhunderts. Hohenzeichen Verlag, München 1933). Erwähnenswert ist ferner Wilhelm Hauer, Deutsche Gottschau. Karl Guctbrod, Stuttgart 1934, der bezeichnenderweise die indogermanische Mythologie in nationalsozialistischen Kreisen popülär machte. Siehe S. 240-254 des genannten Werkes, in denen Hauer den Unterschied zwischen jüdisch- christlich-semitischen Glaubensinhalten und dem europäischen Heidentum erläutert.

12. Jean Markale, „Aujourd’hui, l’esprit paien?”, in L’Europe Paienne, Seghers. Paris 1980, S. 15. Das Werk enthält Betrachtungen über das slawische, keltische, lateinische und griechisch-römische Heidentum.

Zweitausend Jahre des jüdisch-christlichen Monotheismus haben der abendländischen Kultur ihren Stempel aufgedrückt. Angesichts dieser Tatsache sollte es nicht überraschen, daß eine Verherrlichung des Heidentums und Kritik an der Bibel und der jüdisch-christlichen Ethik, insbesondere wenn sie vom rechten Flügel des gesellschaftlichen Spektrums ausgehen, in der Offenen Stadt wahrscheinlich wenig Anklang finden. Es genügt ein Blick auf die amerikanische Gesellschaft, wo Angriffe auf jüdisch-christliche Prinzipien häufig mit Argwohn betrachtet werden und wo die Bibel und der biblische Mythos von Gottes “auserwähltem Volk” noch eine bedeutsame Rolle in bezug auf das amerikanische Verfassungsdogma spielen.(1) Obschon der Offenen Stadt die jüdisch-christliche Theologie heute gleichgültig geworden ist, weisen gleichwohl die aus der jüdisch-christlichen Ethik hergeleiteten Prinzipien, wie “Frieden”, “Liebe” und “weltumfassende Brüderlichkeit”, noch alle Anzeichen gesunder Vitalität auf. Viele liberale und sozialistische Theoretiker in der Offenen Stadt haben zwar einerseits den Glauben an die jüdisch-christliche Theologie aufgegeben, es aber andererseits nicht für klug gehalten, die von der Bibel gelehrte Ethik aufzugeben.

 

Wie immer man denken mag über die dem Begriff “europäisches Heidentum” anhaftende, scheinbar veraltete, bedrohliche oder gar abschätzige Bedeutungsnuance, es ist wichtig festzuhalten, daß diese Bedeutungsnuance weitgehend dem  istorischen und politischen Einfluß des Christentums zuzuschreiben ist. Etymologisch stellt das Wort Paganismus (2) (Heidentum) einen Sinnzusammenhang mit den Glaubensinhalten und Ritualen her, die in den Dörfern und ländlichen Gebieten heimisch waren. Aber Paganismus in seiner modernen Version kann auch ein bestimmtes Lebensgefühl und einen way of life ausdrücken, die mit dem jüdisch- christlichen Monotheismus unvereinbar bleiben. Bis zu einem gewissen Grade sind die europäischen Völker noch immer pagani geblieben, weil ihr nationales Gedächtnis, ihre geographische Verwurzelung und vor allem ihre volkliche Eingebundenheit, die oft Assoziationen zu überkommenen Mythen, Märchen und Brauchtumsformen herstellen, die eigentümlichen Merkmale vorchristlicher Themen aufweisen. Selbst der in moderner Zeit in Europa wiederauflebende Separatismus und Regionalismus scheint aus dem Urgrund heidnischer Restbestände zu wachsen. Die Diktatur der christlichen Ideologie hat, wie Markale bemerkt, ”die  altüberkommenen Bräuche nicht erstickt; sie hat sie lediglich in den Schattenbereich des Unterbewußten verbannt” (3). Die Tatsache, daß ganz Europa heute von einer Welle des Nationalismus erfaßt wird, zeugt von der Beständigkeit des im Heidentum wurzelnden historischen Stammesgedächtnisses.

 

Mit der Konsolidierung des Christentums im europäischen Kulturraum begannen die polytheistischen Glaubensinhalte zu schwinden. In den nachfolgenden Jahrhunderten kam die europäische Systematik der Sinndeutung, sei es in der Theologie oder später in Soziologie, Politik oder Geschichte allmählich unter den Einfluß der jüdisch-christlichen Weltanschauung. In seinem Buch The New Polytheism (4) bemerkt David Miller, daß durch den jüdisch-christlichen Monotheismus die Ausgangspositionen der Europäer sowohl in den Sozialwissenschaften, als auch in der geistigen Erfassung des Weltbildes schlechthin beträchtlich verschoben wurden.(5) Wer kann uns angesichts dieser Verschiebungen noch unserer eigenen Objektivität versichern, zumal wenn wir versuchen, die heidnische Welt durch die Brille des postmodernen jüdisch-christlichen Menschen zu verstehen? Es ist kein Wunder, daß der Beseitigung des Heidentums in Europa die naturwissenschaftliche Wahrnehmungs- und  Erkenntnisfähigkeit beeinträchtigende Verwerfungen auf dem Fuß folgten. Mit der Konsolidierung des jüdisch-christlichen Glaubens wurden die Welt und die weltlichen Phänomene der Herrschaft starrer Begriffe und Kategorien unterworfen, die ihrerseits von der Logik des Entweder-Oder, Wahr-oder- Falsch, Gut-oder-Böse determiniert wurden und Zwischentönen nur selten Raum gaben. Es erhebt sich allerdings die Frage, ob in der Offenen Stadt – einer Stadt voller vielgestaltiger Optionen und komplexer sozialer Differenzen, die alle Denkschablonen verabscheut – diese Art des Denkansatzes denn noch wünschenswert ist. Es ist zweifelhaft, ob dieser jüdisch-christliche Monotheismus noch immer eine brauchbare Lösung für das Verständnis der immer komplexeren sozialen Wirklichkeit zu bieten hat, welcher der moderne Mensch der Offenen Stadt gegenübersteht. Ähnliche Verwerfungen verursachte auch der Export christlich-jüdischer Werte in die fernsten Winkel des Erdballes, wo er zu Ergebnissen führte, die den ursprünglich von den Europäern gehegten Absichten zuwiderliefen und unter den außereuropäischen Völkern Ausbrüche giftigen Hasses hervorriefen. Eine Reihe von Autoren hat recht überzeugend dargelegt, daß der christliche Ökumenismus, oft als “des weißen Mannes christliche Bürde” hochgelobt, eine führende Rolle bei der Ausbreitung des Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus in der Dritten Welt spielte.(6)

 

In der modernen Offenen Stadt hat der jahrhundertelange, durchdringende Einfluß des Christentums wesentlich zu der Ansicht beigetragen, jegliche Verherrlichung des Heidnischen oder auch nur nostalgische Rückbesinnung auf die griechisch-römische Ordnung sei absolut skurril oder bestenfalls mit der zeitgenössischen Gesellschaft unvereinbar. Erst kürzlich jedoch hat der katholische Philosoph Thomas Molnar, der einer kulturellen Wiederbelebung des Heidnischen offenbar aufgeschlossen gegenübersteht, daraufhingewiesen, daß die modernen Anhänger des Neuheidentums (Neopaganismus) ehrgeiziger seien als ihre Vorläufer. Molnar schreibt, das Ziel einer heidnischen Erneuerung müsse nicht die Rückkehr zur Anbetung antiker europäischer Gottheiten bedeuten, vielmehr käme darin das Bedürfnis zum Ausdruck, eine andere Kultur zu schaffen, oder besser noch, eine modernisierte Version des “wissenschaftlichen und kulturellen Hellenismus”, der einst für alle europäischen Völker eine gemeinsame Bezugsgröße darstellte. Und mit offensichtlichem Wohlwollen für die polytheistischen Bestrebungen einiger moderner heidnischer Konservativer fügt Molnar hinzu: nicht um die Eroberung des Planeten geht es, sondern um das Auffinden eines Weges zur Förderung einer oikumena der Völker und Kulturen, die ihre Ursprünge neu entdeckt haben. Es darf vermutet werden, daß die Herrschaft nicht staatsgebundener Ideologien, namentlich des amerikanischen Liberalismus und des sowjetischen Sozialismus, dann zu Ende gehen würde. Dem Glauben an ein rehabilitiertes Heidentum liegt das Bestreben zugrunde, den Völkern ihre echte Identität, wie sie vor der monotheistischen Korrumpierung bestand, zurückzugeben.(7)

 

Eine so ehrliche Aussage eines Katholiken mag auch ein erhellendes Licht werfen auf die Desillusionierung unter den in ihren Offenen Städten lebenden Christen. Die von Wohlstand und Reichtum strotzende säkularisierte Welt scheint die der Menschenseele eigenen Bedürfnisse nicht abgetötet zu haben. Wie sonst wäre es zu erklären, daß Scharen junger Leute aus Europa und Amerika es vorziehen, sich zu den heidnischen indischen Aschrams aufzumachen, statt zu ihren eigenen, vom jüdisch-christlichen Monotheismus ins Zwielicht gerückten heiligen Orten zu pilgern?

 

Bemüht, die Legende von der heidnischen “Rückständigkeit” zu entkräften, und in dem Bestreben, ein europäisches Heidentum im Geiste der Moderne neu zu definieren, haben die zeitgenössischen Protagonisten des Heidentums große Anstrengungen unternommen, dessen Sinngehalt in ansprechenderer und wissenschaftlicherer Form zu präsentieren. Einer ihrer freimütigsten Vertreter, der französische Philosoph Alain de Benoist, faßt die moderne Sinngebung des Heidentums wie folgt zusammen: „Das Neuheidentum, wenn es so etwas wie Neuheidentum gibt, stellt sich nicht als das Phänomen einer Sekte dar, wie einige seiner Gegner, aber auch einige Gruppen und Clans, manchmal wohlmeinend, manchmal unbeholfen, oft komisch und gänzlich am Rande angesiedelt, sich einbilden… Was uns heute besorgt macht, zumindest hinsichtlich der Vorstellung, die wir von ihm haben, ist weniger das Verschwinden des Heidentums, als vielmehr seine Wiederauferstehung in primitiver und infantiler Form, anverwandelt jener “zweiten Religion”, die Spengler mit gutem Grund als typisches Merkmal untergehender Kulturen beschrieb; Erscheinungen, von denen Julius Evola schreibt, daß sie “im allgemeinen einem Phänomen der Flucht, der Entfremdung und der konfusen Ersatzhandlungen ohne ernsthafte Rückwirkung auf die Realität entsprechen”. (8)

 

Das Heidentum als eine Fülle bizarrer Kulte und Sekten ist nicht das, was moderne heidnische Denker sich darunter vorstellen. Schon vor einem Jahrhundert bemerkte der heidnische Philosoph Friedrich Nietzsche, daß eine Nation, deren Entartung und Entwurzelung schon zu weit fortgeschritten ist, ihre Energie in verschiedenen Formen orientalischer Kulte ausleben muß, und gleichzeitig “muß sich auch sein Gott verändern” (9). Heute klingen Nietzsches Worte prophetischer denn je. Im Angesicht der Dekadenz und des grassierenden Hedonismus suchen die Massen der Offenen Stadt nach Stätten alternativer Zuflucht in der Umgebung indischer Gurus oder inmitten einer Heerschar orientalischer Propheten. Aber jenseits der abendländischen Schein-Transzendenz und hinter dem Selbsthaß des Abendländers, begleitet von infantiler Vernarrtheit in orientalische Talismanen, verbirgt sich mehr als nur eine vorübergehende Abstumpfung gegenüber dem christlichen Monotheismus. Wenn moderne Kultgemeinden sich der Entdeckung eines pervertierten Heidentums hingeben, so mögen sie durchaus auf der Suche nach jenem Geheiligten sein, das von dem herrschenden jüdisch-christlichen Diskurs in den Untergrund abgedrängt wurde.

 

Hat der Monotheismus, wie einige heidnische Denker offenbar unterstellen (10), in Europa eine fremdartige Anthropologie eingeführt, die für die Ausbreitung der egalitären Massengesellschaft und den Aufstieg des Totalitarismus verantwortlich ist? Einige Autoren stützen diese These mit dem Argument, daß die Wurzeln der Tyrannis nicht in Athen oder Sparta lägen, daß diese sich vielmehr in Jerusalem aufspüren ließen. In seinem Dialog mit Molnar, L’eclipse du sacré, erklärt Benoist, daß der Monotheismus die Idee der absoluten Wahrheit postuliere; er sei ein System, in dem der Feind mit dem Bösen assoziiert werde und in dem der Feind physisch zu vernichten sei, siehe z.B. Deuteronomium XIII. Kurzgefaßt, sagt de Benoist, der jüdisch-christliche Universalismus schuf vor zweitausend Jahren die Voraussetzungen für die Entstehung der modernen egalitären Verirrungen und ihrer modernen weltlichen Ableger, einschließlich des Kommunismus. Daß es “gottlose” totalitäre Regime gibt, ist offenkundig, als Beispiel diene die Sowjetunion.

 

Nichtsdestoweniger sind diese Regime die Erben christlichen

Denkens im Sinne jener Ausführungen, in denen Carl Schmitt nachwies, daß es sich bei der Mehrheit der modernen politischen Prinzipien um säkularisierte theologische Prinzipien handelt. Sie holen ein streng abgeschirmtes Gebäude auf den Boden der Weltlichkeit herab; die Seelenpolizei weicht der Staatspolizei; den Religionskriegen folgen ideologische Kriege.(11)

 

Ähnliche Ansichten wurden schon früher von dem Philosophen Louis Rougier sowie dem Politikwissenschaftler Vilfredo Pareto vertreten, die beide der “alten Garde” der heidnischen Denker angehören, deren philosophische Forschung auf die Rehabilitierung des europäischen politischen Polytheismus zielte. Sowohl Rougier als auch Pareto stimmen darin überein, daß der Judaismus und seine pervertierte Form, das Christentum, in das europäische konzeptionelle Rahmengefüge eine fremdartige Argumentationsform einführten, die das Wunschdenken, den Utopismus und die Fieberphantasien um ein statisches Zukunftsbild im Gefolge hatte.(12) Ähnlich dem später auftretenden Marxismus muß der Christenglaube an den Egalitarismus einen gewaltigen Einfluß auf die darbenden Massen Nordafrikas und Roms ausgeübt haben, versprach er doch Gleichheit für die “Elenden dieser Erde ” , das odium generis humani und alle proles dieser Welt. In einem in seinem Buche Celsus contre les chrétiens enthaltenen Kommentar über die christlichen Urkommunisten erinnert Rougier an die Tatsache, daß das Christentum schon sehr früh unter den Einfluß sowohl des persischen Dualismus als auch der eschatologischen Visionen der jüdischen Apokalypse kam. Demgemäß ergaben sich die Juden und später die Christen dem Glauben, daß die Guten, die in der Gegenwart leiden, in der Zukunft belohnt werden. In der Offenen Stadt wurde eben dieses Thema später eingeflochten in die moderne sozialistische Doktrin, die das weltliche Paradies verhieß. “Zwei Reiche stehen nebeneinander im Räume,” schreibt Rougier, “eines beherrscht von Gott und seinen Engeln, das andere von Satan und Belial.” (13)

Die Folgen dieser weitestgehend dualistischen Weltvision schlugen sich im weiteren Verlaufe in der christlich-marxistischen Projektion des politischen Feindbildes nieder, in dem die Feinde immer unrecht hatten, die christlich-marxistische Haltung hingegen als richtig apostrophiert wurde. Für Rougier konnte griechisch-römische Intoleranz niemals an derart totale und absolute Ausmaße der religiösen Ausschließlichkeit

heranreichen: Die Intoleranz gegenüber Christen, Juden und anderen Sekten war sporadisch und richtete sich gegen ganz bestimmte religiöse Bräuche, die man als Verstöße gegen das römische Gewohnheitsrecht ansah (z.B. die Beschneidung, Menschenopfer, sexuelle und religiöse

Orgien).(14) Indem sie die Verbindung zu ihren polytheistischen Wurzeln zerschnitten und sich dem Christentum zuwandten, begannen die Europäer, sich allmählich jene Weltsicht anzueignen, in der die Gleichheit der Seelen dominierte, verbunden mit der Forderung, Gottes Evangelium unter allen Völkern ohne Ansehen ihres Glaubens, ihrer Rasse oder Sprache zu verbreiten (Paulus; Galaterbrief, 3:28). In

den nachfolgenden Jahrhunderten durchdrang dieser periodisch

wiederkehrende Egalitarismus in säkularisierter Form das Bewußtsein zunächst des abendländischen Menschen und später dann der gesamten Menschheit.

 

Alain de Benoist schreibt: “Gemäß dem klassischen Ablauf des zyklischen Aufstiegs und Niedergangs hat das Egalitätsthema unsere Kultur durchdrungen vom Stadium des Mythos (Gleichheit vor Gott) bis zum Stadium der Ideologie (Gleichheit vor dem Volke), um danach überzugehen in das Stadium der “wissenschaftlichen Anmaßung” (der Gleichheitsbehauptung als Faktum). Kurz gesagt, vom Christentum zur Demokratie und danach zum Sozialismus und Marxismus. Der schwerwiegendste Vorwurf, den man überhaupt gegen das Christentum formulieren kann, ist, daß es diesen Egalitätszyklus einleitete, indem es in das europäische Denken eine revolutionäre Anthropologie mit universalistischem und totalitärem Charakter einführte.” (15)

 

Man könnte sicherlich ins Feld führen, daß der jüdischchristliche Monotheismus so, wie er den Universalismus und Egalitarismus in sich birgt, auch die religiöse Ausschließlichkeit, die unmittelbar aus dem Glauben an die eine, unbestrittene Wahrheit folgt, für sich beansprucht. Die Konsequenz des christlichen Glaubens an die ontologische Einzigkeit, daß es nämlich nur einen Gott und daher auch nur eine Wahrheit gibt, hat natürlich über die Jahrhunderte hinweg die Christen in die Versuchung geführt, alle anderen Wahrheiten und Werte zu verwischen oder herunterzuspielen. Man kann argumentieren, daß, wenn eine bestimmte Sekte ihre Religion als den Schlüssel zur Lösung des im Universum verborgenen Rätsels verkündet und wenn diese Sekte darüber hinaus den Anspruch auf Universalität erhebt, der Glaube an die Gleichheit sowie die Unterdrückung aller menschlichen Ungleichheiten sich hieraus zwingend ergeben. Demgemäß konnte christliche Intoleranz gegen ”Ungläubige” stets als legitime Antwort an diejenigen, die von dem Glauben an Jahwes Wahrheit abfielen, gerechtfertigt werden. So auch erklärt sich der christliche Begriff der “falschen Duldsamkeit” der Christen gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen, ein Begriff, dessen Bedeutung besonders in der christlichen Haltung gegenüber den Juden erkennbar wird. Obgleich fast identisch in ihrer Anbetung des einen Gottes, konnten die Christen sich doch niemals ganz mit der Tatsache abfinden, daß sie damit auch die Gottheit derer verehren mußten, die sie von vorn herein als Volk der Gottesmörder verabscheuen mußten. Während ferner das Christentum stets eine universalistische, allen Erdenbürgern offenstehende Religion gewesen ist, ist der Judaismus eine ethnische, auf das Volk der Juden beschränkte Religion geblieben.(16) Man könnte argumentieren, daß der Judaismus seinen eigenen Nationalismus sanktioniert, ganz im Gegensatz zum Nationalismus der Christen, der ständig die christlich-universalistischen Grundsätze Lügen straft. ”Angesichts dieser Tatsache”, schreibt de Benoist, “kann der christliche Antisemitismus mit gutem Grund als eine Neurose bezeichnet werden.” (17)

 

Könnte es sein, daß das endgültige Verschwinden des Antisemitismus, wie auch des virulenten Volksgruppenhasses, erst durch den Verzicht auf den christlichen Universalitätsglauben ermöglicht würde?

 

1. Milton Konvitz: Judaism and the American Idea, Cornell  University Press, Ithaca and London 1978, S. 71; Jerol S. Auerbach, “Liberalism and Other Hebrew Prophets” in Commentary, v: 84, nr. 2, August 1987, S. 58; vgl. hierzu auch Ben Zion Bokser: “Democratic Aspirations in Talmudic Judaism” in: Judaism and Human Rights, hrsg. von Milton

Konvitz, W. W. Norton and Co. Inc., New York 1972. Auf S. 146 schreibt Bokser: “Der Talmud schrieb vor, daß jedermann, dem eine  esetzesübertretung vorgeworfen wird, ein faires Gerichtsverfahren zuteil werden muß und daß vor dem Gesetz alle Menschen, ob König oder Bettelmann, streng gleichberechtigt sein müssen.” Dazu auch Ernst Tröltsch: “Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen”, Aalen 1922, bzw. Scientia Verlag, 1965, S. 768: ‘Naturrechtlicher und liberaler Charakter des freikirchlichen Neucalvinismus”, S. 762-772, bzw. Georg

Jellinek: “Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte”, Duncker und Humblot, Leipzig 1904. Auf S. 46 schreibt Jellinek, daß die Idee, die unveräußerlichen, angeborenen und geheiligten Rechte des Individuums gesetzlich zu verankern, nicht politischen, sondern religiösen Ursprungs sei. Ferner Werner Sombart: “Die Juden und das Wirtschaftsleben”, Verlag Duncker und Humblot, Leipzig: 1911. Auf S. 44 schreibt Sombart: “was wir Amerikanismus nennen, ist ja zu einem sehr großen Teile geronnener Judengeist”.

2. Das im Englischen gebräuchliche “paganism” – “Heidentum” stammt vom lateinischen “paganus” – “ländlich”, bzw. “pagus” – “Dorf(gemeinde)” ab; Anm. d. U.

3. Jean Markale: “Aujourd’hui, l’esprit paien?”, in: L’Europe Paiènne, Seghers, Paris 1980, S. 16. Das Werk enthält Betrachtungen über das slawische, keltische, lateinische und griechisch-römische Heidentum

4. David Miller: The New Polytheism, Harper and Row, New York 1974.

5. ebenda S. 7 u. passim

6. Serge Latouche: L’occidentalisation du monde, La Découverte, Paris 1988.

7. Thomas Molnar: La tentation paiènne, Contrepoint vom 15. Juni 1981, S. 53

8. Alain de Benoist: Comment peut-on être paien?, Albin Michel, Paris 1981, S. 25

9. Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, Verlag Das Bergland- Buch, Salzburg, Stuttgart 1952, S. 979

10. Alain de Benoist: L’eclipse du sacré, La Table ronde, Paris 1986; insbes. der Abschnitt “De la sécularisation”, S. 198-207

11. Ebenda S. 233; dazu ferner Carl Schmitt in: Die politische Theologie, Dunker und Humblot, München und Leipzig 1922, S. 35-46. Schmitt schreibt auf S. 36, daß “alle namhaften Konzeptionen in der modernen politischen Wissenschaft säkularisierte theologische Konzeptionen” darstellen.

12. Gerard Walter: “Les sources judaiques de la doctrine communiste chrétienne” in: Les origines du communisme, Payot, Parisl931), S. 13-65; vgl. hierzu Vilfredo Pareto: “Les systèmes métaphysiques-communistes”, in: Les systèmes socialistes, Marcel Girard, Paris 1926, S. 2-45, und Louis Rougier: “Le judaisme et la Révolution sociale”, in: La mystique démocratique, op.cit., S. 184-187

13. Louis Rougier: Celsus contre les chrétiens, Copernic, Paris 1977, S. 67; ferner Sanford Lakoff: “Christianity and Equality”, in J. Roland Pennock und John W. Chapaman (Hrsg.): Equality, Atherton Press, New York 1967, S. 128-130

14 a.a.O, S. 89

15. Alain de Benoist, “L’Eglise, L’Europe et le Sacré” in: Pour une renaissance culturelle, Copernic, Paris 1979, S. 202

16. Louis Rougier, Celse, S. 88.

17. Alain de Benoist, Comment-peut on être paien?, S. 170

Den Kritikern, die behaupten, der Polytheismus sei eine prähistorische, dem primitiven Geiste zuzuordnende Angelegenheit und als solche unvereinbar mit einer mo­dernen Gesellschaft, könnte man entgegenhalten, daß Heidentum nicht unbedingt mit einer Rückkehr zum „Verlorenen Paradies” oder einer Sehnsucht nach Wieder- herstellung der griechisch-römischen Ordnung gleichzusetzen ist. Für den heidnischen Konservativen bedeutet das Bekenntnis der Verbundenheit mit dem Hei­dentum („Paganismus”) den Willen, Europas historische Ursprünge neu zu beleben sowie einige geheiligte Aspekte des in Europa vor dem Aufstieg des Christen­tums gelebten Lebens, wiederzuerwecken. In bezug auf die angebliche Überlegenheit bzw. Modernität des Juden-/Christentums gegenüber der Rückständigkeit des indogermanischen Polytheismus, könnte man hinzufü­gen, daß die jüdisch-christlichen Religionen, was Mo­dernität anbelangt, nicht weniger rückständig sind als die heidnischen. De Benoist unterstreicht diesen Ge­sichtspunkt wie folgt:

„War es einst ein groteskes Schauspiel, wenn christ­liche Missionare über die heidnischen Götzenbilder her­zogen, während sie in ihren eigenen Hokuspokus ver­liebt waren, so ist es nunmehr ein wenig lächerlich, wenn über die europäische Vergangenheit ausgerechnet jene herziehen, die niemals müde werden, die jüdisch-christ­liche Kontinuität zu preisen, und die uns auf das Vor­bild der allzeit modernen Gestalten des Abraham, Ja­kob, Isaak und anderer frühgeschichtlicher Beduinen verweisen.” (1)

Einigen heidnischen Denkern zufolge hat die jüdisch­christliche Rationalisierung der historischen Zeit die Projektion der eigenen völkischen Vergangenheit ver­eitelt und hat so wesentlich zur Desertifikation, dem Wachstum der Wüsten dieser Welt beigetragen. Im ver­gangenen Jahrhundert bemerkte der französische Autor Ernest Renan, der Judaismus habe „den Begriff der Hei­ligkeit vergessen, weil die Wüste selber monothei­stisch” (2) sei. In ähnlichem Sinne schreibt Alain de Benoist im Zusammenhang mit einem Zitat aus Harvey Cox’ The Secular City, der Verlust des Geheiligten, der die heutige „Verdrossenheit” gegenüber dem modernen Gemeinwesen verursachte, sei die logische Konsequenz aus dem biblischen Verzicht auf Geschichte. Die Ent­zauberung der Natur begann mit der Schöpfungs­geschichte, die Entheiligung der Politik mit dem Exo­dus, die Entweihung der Werte mit dem Bundesschluß von Sinai, will sagen nach der Verbannung der Götzenbilder. (3) Mit weiteren Untersuchungen dieser Art be­schäftigte sich Mircea Eliade, ein selbst von der heidni­schen Welt beeinflußter Autor, der ergänzend bemerk­te, daß das jüdische Ressentiment gegen heidnische Götzenverehrung aus dem übermäßig rationalen Cha­rakter der mosaischen Gesetze zu verstehen sei, die sämt­liche Lebensbereiche durch Myriaden von Vorschriften, Geboten und Interdikten regulierten.

Entheiligung der Natur, Abwertung des Kulturschaf­fens, kurz, die gewaltsame und unbedingte Zurückwei­sung der kosmischen Religion und vor allem die über­ragende Rolle, die der geistigen Erneuerung aufgrund der sicher erwarteten Rückkehr Jahwes zugewiesen wur­de, waren die Antwort der Propheten auf Krisen, wel­che die beiden jüdischen Königreiche bedrohten. (4)

Man mag einwenden, der Katholizismus verfüge schließlich über eine eigene Form der Heiligkeit und zeichne sich – anders als andere jüdisch-christliche Glaubensrichtungen – durch eine eigene spirituelle Tran­szendenz aus. Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, daß der katholische Heiligkeitsbegriff keine Existenz sui generis aufweist, sondern sich vielmehr auf die in­nige Verbindung des Christlichen mit dem Heidnischen als tragendes Element stützt. Das Christentum verdankt – wie Benoist ausführt – seine Darbietungsformen des Heiligen (geweihte Stätten, Pilgerfahrten, weihnachtli­che Festlichkeit und Heiligenbasilika) der unbändigen Unterströmung des heidnischen und polytheistischen Le­bensgefühls. Deshalb erscheint die heutige Wiederbe­lebung des Heidnischen weniger als eine normsetzende Religionsbewegung im christlichen Wortsinne denn als ein bestimmtes geistliches Instrumentarium, das im Gegensatz zur Religion der Juden und Christen steht. Infolgedessen könnte, wie einige heidnische Denker ausführen, die mögliche Verdrängung der monothe­istischen Weitsicht durch eine polytheistische nicht le­diglich die Wiederkehr der Götter, sondern vielmehr auch die Wiederkehr der großen Vielfalt gemeinschaft­licher Werte bedeuten.

Mut, persönliche Ehre und das geistige und körperli­che Über-sich-Hinauswachsen werden oft als wichtig­ste Tugenden des Heidentums benannt. Im Gegensatz zum utopistischen Optimismus des Christentums und des Marxismus betont das Heidentum den tiefgründi­gen Sinn des Tragischen, den heidnischen Sinn des Tra­gischen, der das menschliche Schicksal zu erklären ver­mag: das Schicksal, das für die alten Indogermanen Handeln, Streben und Selbstüberwindung erforderte.(5)  In seinem Buche Die Religiosität der Indogermanen faßt Hans Günther diesen Gedanken wie folgt zusammen: „Die indogermanische Religiosität wurzelt nicht in ir­gendeiner Art von Furcht, weder Furcht vor der Gott­heit, noch Furcht vor dem Tode. Die Worte des späten römischen Poeten, daß zuerst die Furcht die Götter er­schuf (Statius, Thebais III, 661: primus in orbe fecit deos timor), können auf die echten Formen der indogermani­schen Religiosität nicht angewandt werden, denn wo auch immer die ‘Gottesfurcht’ (Sprüche, Salomon IX. 10; Psalm 11,30) sich frei entfaltete, hat sie sich weder als Beginn des Glaubens noch der Weisheit erwiesen.” (6)

Daß die größten Kulturen diejenigen seien, die einen ausgeprägten Sinn für das Tragische besitzen und keine Furcht vor dem Tode kennen, wird von nicht wenigen Autoren vertreten. (7) Nach der heidnischen Auffassung des Tragischen ist der Mensch gerufen, vor der Ge­schichte Verantwortung zu übernehmen, weil der Mensch der einzige sei, welcher der Geschichte einen Sinn verleihe. In einem Kommentar zu Nietzsche schreibt Giorgio Locchi, in der heidnischen Kosmogo-

nie werde der Mensch allein als seines Schicksals Schmied (faber suae fortunae) angesehen, frei von bibli­schem oder historischem Determinismus, „göttlicher Gnade”, wirtschaftlichen und materiellen Sachzwängen. (8)Das Heidentum legt Wert auf eine heroische Lebensauf­fassung, im Gegensatz zur christlichen, von Schuldhaf­tigkeit und Lebensfurcht geprägten Haltung. Sigrid Hunke (Europas eigene Religion) beschreibt die essentielle Vorrangigkeit des Lebens, da Leben und Tod wesens­gleich sind und beide sowohl das eine wie das andere in sich bergen. Das Leben, welches jederzeit im Angesicht des Todes und neben dem Tode verläuft, verleiht in je­dem Augenblick der Zukunft Dauerhaftigkeit, und das Leben wird ewig, indem es eine unergründliche Tiefe und die Wertigkeit des Ewigen erlangt. (9)  Hunke vertritt wie andere mit dem heidnischen Lebensgefühl befaßte Autoren die Ansicht, der Mensch müsse, um in der Offe­nen Stadt diese heidnischen Tugenden wiederzuerwecken, zunächst die dualistische Logik der religiösen und sozia­len Ausschließlichkeit ablegen, „eine Logik, die für den Extremismus nicht nur unter den einzelnen Menschen, sondern auch unter Parteien und Völkern verantwortlich ist und die, von Europa ausgehend, die ganze Welt infi­ziert hat mit einer dualistischen Spaltung, die planetari­sche Ausmaße angenommen hat.” (10) Um dieses ehrgeizi­ge Ziel zu erreichen, muß der abendländische Mensch zunächst den Sinn der Geschichte neu überdenken.

Vertreter des modernen Heidentums erinnern daran, daß der jüdisch-christliche Monotheismus die Einstel­lung des Menschen zur Geschichte wesentlich verän­dert hat. Indem sie der Geschichte ein spezifisches Ziel zuwies, hat die jüdisch-christliche Lehre alle Ereignis­se der Vergangenheit, mit Ausnahme der für Jahwes Theophanie bedeutsamen, abgewertet. Jahwe gesteht zweifellos zu, daß der Mensch eine Geschichte habe; jedoch nur insofern, als die Geschichte mit einem zuge­wiesenen Ziel, einem sicheren Ziel, einem spezifischen Ziel ausgestattet ist Sollte sich der Mensch jedoch wei­terhin an eine Geschichtsvorstellung klammern, die das kollektive Gedächtnis seines Stammes oder Volkes ak­tiviert, läuft er Gefahr, den Zorn Jahwes heraufzube­schwören. Für Juden, Christen und Marxisten ist Geschichtlichkeit nicht das wahre Wesensmerkmal des Menschen: Das wahre Wesen des Menschen liegt jen­seits der Geschichte. Man könnte sagen, daß die jüdisch­-christliche Vorstellung vom Ende der Geschichte bestens auf die modernen egalitären und pazifistischen Doktri­nen abgestimmt ist, die ihre Geisteshaltung – oft un­wissentlich – aus dem Bibelspruch beziehen: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein“ (Jesaja 11:6). De Benoist meint, daß im Un­terschied zur heidnischen Geschichtsvorstellung, die organische Solidarität und gemeinschaftliche Bindun­gen einschloß, die monotheistische Ge­schichtsvorstellung Gräben aufreiße. Demgemäß muß Jahwe auch Vermischungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Menschen- und Gottessphäre, zwischen Israel und den goyim verbieten. (11) Die Chri­sten werden natürlich, wie ihr jahrhundertelanger Bekehrungseifer hinreichend beweist, das jüdische Aus­schließlichkeitsdogma zurückweisen, aber sie werden nichtdestoweniger ihre eigene Ausschließ­lichkeitsvariante gegen „ungläubige” Moslems, Heiden u. a. „Anhänger des Irrglaubens” beibehalten.

Entgegen dem jüdisch-christlichen Dogma, das den Ausgang der historischen Zeit von dem einen großen Urvater behauptet, erkennt das europäische Heidentum keine Spuren eines Zeitenanfangs. Stattdessen wird die Zeit als immerwährender Neuanfang, als ewige Wie­derkehr, ausgehend von einer Vielzahl verschiedener Väter, angesehen. In der heidnischen Kosmogonie ist die Zeit, wie de Benoist schreibt, der Widerschein der nichtlinearen oder sphärischen Geschichtsauffassung, einer Auffassung, für die die Vergangenheit, die Gegen­wart und die Zukunft nicht unwiderruflich voneinander getrennte oder auf einer einzelnen Linie aufeinander­folgende kosmische Zeitabschnitte bedeuten: Vielmehr werden Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als Di­mensionen der gegenwärtigen Wirklichkeit verstan­den. (12) In der heidnischen Kosmogonie obliegt es jedem einzelnen Volk, sich selbst eine Rolle in der Geschichte zuzuweisen; was in der Praxis bedeutet, daß es keine Völker geben kann, die kraft eigener Ernennung die zen­trale Geschichtsbühne besetzen. Und so irrig es ist, von einereinzigen Wahrheit zu sprechen, so falsch ist es auch zu behaupten, daß die gesamte Menschheit die eine und einzige historische Richtung verfolgen müsse, wie der jüdisch-christliche Universalismus und sein weltlicher Auswurf, die „weltweite Demokratie”, es vorgesehen haben.

Die jüdisch-christliche Geschichtsauffassung will glauben machen, daß der historische Zeitablauf mono­linear erfolge und daher auch von beschränkter Aus­sagefähigkeit und Bedeutung sei. Von dorther können dann Christen und Juden die Geschichte nur noch als einen vom Bewußtsein des letzten Zieles und der histo­rischen Erfüllung beherrschten Gesamtkomplex erfas­sen. Für Juden wie Christen erscheint die Geschichte bestenfalls von parenthetischem Interesse, schlimmsten­falls als eine häßliche Episode oder ein Tal der Tränen, das eines baldigen Tages von der Erde verschwinden und vom Paradies überlagert werden muß.

Ferner schließt der christlich-jüdische Monotheismus die Möglichkeit der geschichtlichen Wiederkehr oder des „Neuanfangs” aus, die Geschichte muß sich in vor­herbestimmter Weise entfalten, indem sie sich auf das Endziel zubewegt. In der modernen Offenen Stadt wird die Idee der christlichen Finalität in den Mythos der den Endzustand verkörpernden klassenlosen Gesellschaft oder die apolitische und ahistorische liberale Konsum­gesellschaft übersetzt. De Benoist zufolge erlaubt die Legitimation der Zukunft, welche die Legitimation unvordenklicher Zeiten ersetzt, jegliche Entwurzelung und alle Emanzipationen von früher bestehender Bin­dung. In der utopischen Zukunft, welche eine mythi­sche Vergangenheit ersetzt, liegt übrigens der Keim fort­währenden Betruges, weil die Heilsankündigungen der ständigen Vertagung auf ein späteres Datum unterliegen. Der Betrachter des Weltbetriebes kann nicht mehr auf den Zeitfaktor bauen. Der Zeitablauf wird von der Ver­folgung des einen Zieles determiniert: Es bleibt die Er­wartung; die Erfüllung bleibt aus.

Die historische Entwicklung einer obligatorischen Norm zu unterwerfen, heißt, die Geschichte in einen Objektivitätsrahmen zwängen, der die Freiheit des Han­delns, der Orientierung und der Planung beschneidet. (14)

Nur die Zukunft kann Juden und Christen in die Lage versetzen, die Vergangenheit zu berichtigen. Nur die Zukunft trägt das Gütesiegel der Erlösung. Von hier an ist für die Juden und Christen die historische Zeit nicht mehr umkehrbar; von hier an wird jedes geschichtliche Ereignis zum Zeichen göttlicher Vorsehung, zum „Fin­ger Gottes”, zur Theophanie. In der Offenen Stadt führt dieses monolineare Denken zum Entstehen der Religi­on des Fortschritts und zum Glauben an das schranken­lose wirtschaftliche Wachstum. Wurden dem Moses die Gesetzestafeln nicht an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit übergeben, und sind im weiteren Ver­lauf Ort und Zeit der Predigten, der Wunder und der Kreuzigung Jesu nicht genau bezeichnet? Begann nicht für die Kommunisten das Ende der Geschichte mit der Bolschewistischen Revolution und für die Liberalen mit dem Amerikanischen Jahrhundert? Diese „göttlichen” Eingriffe in die menschliche Geschichte werden einma­lig und unwiederholt bleiben. Eliade faßt diesen Gedan­ken wie folgt zusammen: „Unter dem Druck der Ge­schichte” und befördert von prophetischer und messianischer Erfahrung, dämmert den Kindern Israels eine neue Interpretation geschichtlicher Ereignisse. Ohne auf die Tradition der Urformen und Wiederholungen gänz­lich zu verzichten, versucht Israel die historischen Er­eignisse zu retten, indem es sie als persönliche Erschei­nungen Jahwes deutet. Der Messianismus vermittelt ih­nen einen neuen Wert, insbesondere durch die Beseiti­gung der Wiederholungsmöglichkeit (der historischen Er­eignisse) ad infinitum. Mit der Ankunft des Messias ist die Welt endgültig gerettet und die Geschichte beendet. (14)

          Vom Willen Jahwes direkt gesteuert, setzt sich dann die Geschichte als eine Serie von Ereignissen fort, von denen ein jedes unwiderruflich und unumkehrbar wird. Die Geschichte wird nicht nur ausrangiert, sondern auch bekämpft. Pierre Chaunu, ein zeitgenössischer franzö­sischer Historiker, bezeichnet die Zurückweisung der Geschichte als eine Versuchung für die aus dem Juden­- bzw. Christentum hervorgegangenen Kulturen. (15) Eine ähnliche Position bezieht Michel Maffesoli in seiner Stu­die über den Totalitarismus, wenn er schreibt, der Tota- litarismus trete in jenen Ländern auf, die der Geschich­te feindlich gegenüberstehen, und hinzufügt: „Wir tre­ten jetzt ein in jene für die politische Eschatologie ver­heißungsvolle Epoche der Endzeitlichkeit, deren End­produkte das Christentum und seine profanen Formen, der Liberalismus und der Marxismus, bilden.”(16)

Die vorstehenden Gedankengänge sollten der Erläu­terung bedürfen. Akzeptiert man die Idee vom Ende der Geschichte, wie sie von Monotheisten, Marxisten und Liberalen vertreten wird, so erhebt sich doch die Frage, inwieweit denn das ganze Leid der Geschichte erklär­bar sei. Wie ist es – vom liberalen und vom marxisti­schen Standpunkt aus – möglich, all die vergangenen Unterdrückungen, kollektiven Leidenserfahrungen, Ver­treibungen und Demütigungen, von denen die Geschich­te erfüllt ist, der Erlösung zuzuführen? Begnügen wir uns mit der Feststellung, daß dieses Rätsel nur die Schwierigkeiten unterstreicht, mit denen die Frage der Verteilungsgerechtigkeit in der egalitären Offenen Stadt behaftet ist. Wenn eine wirklich egalitäre Gesellschaft auf wundersame Weise entsteht, wird sie unweigerlich eine Gesellschaft der Auserwählten sein, eine Gesell­schaft derer, denen es, wie Eliade sagt, gelungen ist, dem Druck der Geschichte zu entgehen, indem sie ein­fach zur rechten Zeit, am rechten Ort und in einem der richtigen Länder geboren sind. Paul Tillich schrieb vor einiger Zeit, daß eine derartige Gleichheit einer immen­sen geschichtlichen Ungleichheit entspräche, weil sie Diejenigen ausschlösse, die in ihrer Lebenszeit in einer Gesellschaft der Ungleichheit lebten oder sonstwie – um Arthur Koestler zu zitieren – mit einem „Achsel­zucken der Ewigkeit” zugrunde gingen. (17) Die vorste­henden Koestler- und Eliade-Zitate verdeutlichen, wie schwer es die modernen Heilsideologien mit ihrem Ver­such, die Zeit anzuhalten und ein Paradies auf Erden zu erschaffen, haben. Wäre es in Zeiten schwerer Krisen nicht besser, sich die heidnische Auffassung vom zykli­schen Verlauf der Geschichte auszuleihen? So scheinen denn auch einige osteuropäische Völker zu verfahren, die in Krisen- oder Katastrophenzeiten oft in Volks­brauchtum und Legenden Zuflucht suchen, die ihnen auf beinahe kathartische Weise helfen, mit ihrer Notla­ge fertig zu werden.

Locchi schreibt: Ein Neuanfang der Geschichte ist möglich. Eine historische Wahrheit gibt es nicht. Gäbe es die historische Wahrheit, so gäbe es keine Geschich­te. Die historische Wahrheit muß immer und immer neu erworben werden; sie muß stets in die Tat umgesetzt werden. Und genau das ist – für uns – der Sinn der Ge­schichte. (18)

Aus dem Vorstehenden könnten wir schließen, daß für den Christen es Christus ist, der den Wert eines Men­schen definiert, daß für den Juden der Judaismus die Auserwähltheit des Einzelnen begutachtet und daß es für Marx nicht die Qualität des Menschen ist die die Qualität der Klasse, sondern vielmehr die Qualität der Klasse, die den Menschen definiert. Somit wird man auserwählt kraft Zugehörigkeit zur eigenen Klasse oder zum eige­nen Religionsbekenntnis.

Jahwe in seiner Eigenschaft als einziger Schöpfer der Wahrheit ist, wie wir gesehen haben, – ganz wie später seine weltlichen Nachfolger – der Anwesenheit ande­rer Götter und anderer Werte abhold. Für ihn, den gro­ßen Vereinfacher, muß alles, was jenseits seines Pferches lebt, entweder gestraft oder vernichtet werden. Die ge­samte Geschichte lehrt, daß die wahren Anhänger des monotheistischen Glaubens stets ermutigt wurden, im Namen der höheren historischen Wahrheit  diejenigen abzustrafen, die von Jahwes rechtem Wege abgekom­men waren. In seinem Buch A New Look at Biblical Crime schreibt Scott: In vielen Fällen wurde das mo­saische Gesetz der Vergeltung – „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn” – von den Israeliten herangezogen, um die Gräueltaten zu rechtfertigen, mit denen sie über ihre Feinde herfielen… Die Geschichte der israelitischen Feldzüge zeigt, daß die Hebräer zuallermeist die Ag­gressoren waren.(19)

So konnten die alten Hebräer im Namen der histori­schen Wahrheit das Niedermetzeln der heidnischen Kanaaniter rechtfertigen; während die Christen namens der Christlichen Offenbarung ihre Kriege gegen die Ketzer, Juden und Heiden legitimierten. Freilich wäre es einseitig, wollte man in diesem Zusammenhang die Gewalttätigkeit der Heiden herunterspielen. Die Zerstörung der Stadt Troja durch die Griechen, die Zerstörung Karthagos durch Rom ist ein deutlicher Hinweis auf die von Griechen und Römern betriebene totale und blutige Kriegführung.  Nicht verkannt werden sollte jedoch die Tatsache, daß wir bei den Menschen der Antike nur selten jene Selbstgerechtigkeit hinsichtlich ihrer Siege konstatieren, welche die militärischen Triumphe der Christen und Juden zu begleiten pflegte. Selten, wenn überhaupt, machten Römer und Griechen nach der militärischen Niederwerfung ihrer Gegner den Versuch, diese zu ihren eigenen Gottheiten zu bekehren. Demgegenüber sind das Evangelium und das Alte Testament angereichert mit Akten der selbstbeweihräuchernden Gerechtigkeitsausübung, die wiederum der Rechtfertigung  erlösender Gewaltanwendung gegen Widersacher dienen. Ganz ähnlich ist in der modernen Offenen Stadt der Krieg für die Demokratie zu einem besonders schändlichen Mittel für die Auslöschung aller andersartigen Gemeinwesen geworden, welche die Theologie  des globalen Fortschritts ablehnen und das Kredo der weltweiten Demokratie verschmähen. Pierre Gripari unterstreicht diese Aussage; seiner Meinung nach handelt es sich beim Judaismus, beim Christentum und deren weltlichen Ablegern Nationalsozialismus, Sozialismus und Liberalismus um barbarische Doktrinen, die in die moderne Welt nicht hineingehörten. (20)

Im Gegensatz zu diesen zur Erstickung neigenden Lehrgebäuden, bemerkt de Benoist, erkennt ein System, das sich mit einer unbegrenzten Zahl von Göttern arrangiert, auch die Vielfalt der Kulte an, die zu ihrer Verehrung ausgeübt werden,  und vor allem auch die Vielfalt der Bräuche, der politischen und gesellschaftlichen Systeme der Weltanschauungen, die in diesen Göttern ihren sublimen Ausdruck finden.(21)  Hieraus folgt, daß Heiden  oder polytheistisch Gläubige weit weniger zur Intoleranz neigen. Ihre relative Toleranz wird hauptsächlich ihrer Bereitschaft zur Duldung des „ausgeschlossenen Dritten“ sowie ihrer Ablehnung des jüdisch-christlichen Dualismus zugeschrieben.

Zur Verdeutlichung der relativen heidnischen Toleranz ist die Haltung der indogermanischen Heiden gegenüber ihren Kriegsgegnern einer Betrachtung wert. Jean Haudry führt aus, daß die Kriege der Heiden nach strengen Regularien geführt  wurden.  Die Kriegserklärung erfolgte gemäß den Ritualen, mit denen zunächst der Beistand der Götter erfleht und deren Zorn auf den Feind gelenkt werden sollte. Die Kriegführung unterlag genau festgelegten Regeln und schließlich „bestand der Sieg im Brechen des Widerstandes und nicht notwendigerweise in der Vernichtung des Gegners”. (22)  An­gesichts der Tatsache, daß die jüdisch-christliche Lehre keine relativen Wahrheiten oder andere und gegensätzliche Wahrheiten zuläßt, betreibt sie gegenüber ihren Widersachern häufig die Politik des totalen Krieges. Eliade schreibt, daß die „für die Propheten und Missionare der drei monotheistischen Religionen, charakteristische Intoleranz und ihr Fanatismus ihr Vorbild und ihre Rechtfertigung in  Jahwe finden”. (23)  

Wie schlägt sich die monotheistische Intoleranz in der vorgeblich so toleranten Offenen Stadt nieder? Welches sind die weltlichen Folgen des jüdisch-christlichen Monotheismus in unserer Epoche? In den Systemen der Jetztzeit sind es die Anderen, die Unentschiedenen, d.h. diejenigen, die nicht Partei ergriffen haben und jene, die die modernen eschatologischen Politgrundsätze ablehnen, die der Ächtung und Verfolgung anheimgegeben werden; diejenigen sind es, die heute den Nutzen der Ideologie der Menschenrechte, des Weltbürgertums oder der Gleichheit in Frage stellen.  Kurz, es sind all die, welche das liberale bzw. kommunistische Glaubensbekenntnis ablehnen.

Abschließend könnte man sagen, daß in den Anfängen seiner Entwicklung der christlich-jüdische Monotheismus sich daran machte, die heidnische Welt ihres mystischen und sakralen Charakters zu entkleiden, indem er allmählich die althergebrachten heidnischen Glaubensinhalte durch Verbreitung  des jüdischen Gesetzes verdrängte.  Während dieses jahrhundertelangen Prozesses beseitigte das Christentum alle Spuren des Heidnischen, die es noch neben sich hatte. Der noch andauernde Prozeß der Entsakralisierung und der Entzauberung des Lebens und der Politik erscheint als Folge nicht einer zufälligen Abwendung der Europäer vom Christentum, sondern vielmehr des allmählichen Verschwindens des heidnischen Heiligkeitsbegriffes, der lange mit dem Christentum koexistierte. Das Paradox unseres Jahrhunderts aber ist, daß die westliche Welt just zu der Zeit, da Kirchen und Synagogen so gut wie leer sind, mit jüdisch-christlicher Mentalität gesättigt ist.

 

Fußnoten:

 

1. a.a.O., S. 26. Alain de Benoist sah sich der Kritik durch die sogenannten neokonservativen  „nouveaux philosophes” ausge­setzt, die seinen Paganismus attackierten, weil er als Werkzeug des intellektuellen Antisemitismus, Rassismus und Totalitarismus diene. In seiner Antwort richtet de Benoist dieselbe Kritik gegen die „nouveaux philosophes”. Siehe seinen Artikel „Monothéisme -polythéisme: le  grand débat”. Le Figaro Maga­zine, 28. April 1979, S. 83. Er schreibt: „Wie Horkheimer, wie Ernst Bloch, wie Levinas, wie René Girard – was B.-H. Lévy sich wünscht, ist: weniger ‘Verwegenheit’, weniger Ideal, weni­ger Politik, weniger Macht, weniger Staat, weniger Geschichte. Was er sich wünscht, ist die Vollbrachtheit der Geschichte, das Ende aller Mißhelligkeit (der Mißhelligkeit, die der Hegelschen Gegenständlichkeit entspricht), abstrahierte Gerechtigkeit, den Weltfrieden, das Verschwinden der Landesgrenzen, die Geburt der homogenen Gesellschaft.”

2. Ernst Renan, Histoire générale des langues sémitiques, Paris, 1853, S.6

3. Alain de Benoist, L’éclipse, S. 129

4. Mircea Eliade, Histoire des croyances et des idées religieuses, Paris 1976, Payot, S. 369 und passim

5. Jean Haudry, Les Indo-Européens, Paris 1981, PUF, S. 68

6. Hans K. Günther, The Religious Attitude of Indo-Europeans, übersetzt von Vivian Bird und Roger Pearson, London 1966, Clair Press S. 21

7. Alain de Benoist und Pierre Vial, La Mort, Paris 1983, Le Labyrinthe, S. 15

8. Siehe Giorgio Locchi, „L’histoire”, Nouvelle École, Nr.. 27/28 (Herbst-Winter) 1975, S. 183-190

9. Sigrid Hunke, (ins Deutsche rückübersetzt aus:) La vraie religion de l’Europe, übersetzt von Claudine Glot und Jean-Louis Pesteil, Paris 1985 Le Labyrinthe, S. 253. Das Buch erschien ursprüng­lich unter dem Titel „Europas eigene Religion: Der Glaube der Ketzer” bei Gustav Lübbe, Bergisch-Gladbach 1980

10. a.a.O., S. 274

11. Alain de Benoist, L’éclipsé, S. 132

12.a.a. O., S. 131

13.a.a.O., S. 155-156

14.Mircea Eliade, The Myth of the Eternal Return oder Cosmos and History übersetzt von Willar R. Trask, 1965, Princeton: University Press, S. 106-107

15. Perre Chaunu, Histoire et foi, Paris 1980, Edition France-Em­pire, zitiert nach A. de Benoist, Comment peut-on être paien?, S. 109

16. Michel Maffesoli, La violence totalitaire, Paris 1979, PUF, S. 228-229

17. Siehe Paul Tillich, The Eternal Now, New York 1963, Charles Scribner’s Sons, S. 41 fif. „Achselzucken der Ewigkeit” sind die Worte, mit denen Arthur Koestler seinen Roman Darkness at Noon (Sonnenfinsternis), The Modern Library, 1941, S. 267, beschließt.

18. Giorgio Locchi u.a., „Über den Sinn der Geschichte”, Das unvergängliche Erbe, Tübingen 1981, Grabert Verlag, S. 223

19. Walter Scott, A New Book of Biblical Crime New York 1979, Dorset Press, S. 59

20. Pierre Gripari, S. 60

21. Alain de Benoist, Comment peut-on dire paien?, S. 157-158

22. Jean Haudry, S. 101

23. Mircea Eliade, Histoire des croyances et des idées religieuse, Paris 1976, Payot, Bd.l, S. 194

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